Die Entwicklung der Raumvorstellung ist ein zentrales Ziel des Geometrieunterrichts in der Grundschule. Kinder sollen sich räumliche Anordnungen vorstellen, sie aus anderen Richtungen denken und Veränderungen gedanklich vorwegnehmen können – Fähigkeiten, die weit über die Mathematik hinaus bedeutsam sind. Genau hier setzt das Material „Ansichtssache“ von Dr. Jonathan von Ostrowski (Universität Bremen) an. Mit neun geometrischen Körpern – Würfel, zwei Quader, Zylinder, Kegel, Pyramide, Halbkugel und zwei Dreiecksprismen –, einem Rasterplan und Aufgabenkarten lässt sich die Raumvorstellung in allen vier Grundschuljahren fördern. Die Körper können mit jedem 3D-Drucker hergestellt werden. Die Lern-App auf dieser Seite ist eine digitale Umsetzung dieses Materials.
Von Ostrowski versteht das Erfassen und Vorstellen räumlicher Beziehungen als Grundlage der Raumvorstellung. Um solche Beziehungen zu erfassen, kann es nötig sein, eine Anordnung in der Vorstellung zu drehen (mentale Rotation) oder sich gedanklich an einen anderen Platz zu versetzen (räumliche Orientierung). Wer sich dagegen vorstellt, wie sich eine Anordnung verändert, wenn ein Körper verschoben wird, leistet eine räumliche Veranschaulichung. Die Aufgaben des Materials können diese Komponenten ansprechen – vom Nachbauen eines Schrägbildes über das Bauen nach zwei Seitenansichten bis zum Vorstellen der Ansichten nach einer Verschiebung.
Besonders ergiebig ist der Aufgabentyp „Bauen nach Seitenansichten“. Die Kinder sehen auf einer Karte, wie eine Anordnung von vorne und von der Seite aussieht, und bauen sie nach. Dazu müssen sie die Formen in jeder Ansicht analysieren, passende Körper finden und beide Ansichten miteinander in Beziehung setzen. Viele Karten haben mehr als eine Lösung: Kegel und Pyramide sehen von vorne und von der Seite gleich aus, ebenso Würfel und Zylinder. Das ist gewollt. Unterschiedliche Lösungen sind ein natürlicher Anlass zum Kommunizieren („Wie hast du das gelöst?“) und zum Argumentieren („Wie viele Lösungen finden wir – und warum?“). Die App sammelt deshalb alle gefundenen Lösungen eines Kindes, erkennt doppelte und gibt einen Hinweis, wenn es noch weitere gibt.
Leitend für die digitale Umsetzung war der Gedanke, dass die Vorstellungsleistung beim Kind bleiben muss. Am Bautisch zeigt die App deshalb keine mitlaufenden Schattenbilder und keine frei drehbare Kamera. Man schaut wie an einem echten Tisch von seinem Platz aus auf den Plan. Wer die Anordnung von der Seite oder auf Augenhöhe sehen möchte, geht bewusst „links herum“ oder „rechts herum“ um den Tisch oder bückt sich – so wie im Klassenraum. Nach dem Prüfen gibt die App gestufte Rückmeldung: zuerst nur, welche Ansicht schon passt, dann ein Vergleichsbild, erst danach einen Denkimpuls. Den „Schattenblick“, bei dem die Körper schwarz werden und die Kamera die Kartenansichten nachstellt, gibt es erst, wenn die Lösung stimmt – als Bestätigung, nicht als Abkürzung (im Lehrkräfte-Bereich abschaltbar).
Die App folgt den Aufgaben des Originalmaterials und ergänzt sie behutsam. Unter „Körper kennenlernen“ betrachten die Kinder jeden Körper in seinen möglichen Lagen und überlegen zuerst, welchen Schatten er von vorne, von der Seite und von oben wirft, bevor sie ihre Vermutung aufdecken. „Bauen nach Bild“ und „Bauen nach Ansichten“ nutzen die beiden Seiten der Karten 1–10: einmal ein Schrägbild, einmal zwei Seitenansichten. Wer ein Schrägbild von einem anderen Platz aus nachgebaut hat, bekommt die Frage gestellt, von welchem Stuhl aus der Bau so aussieht wie auf der Karte. In „Ansichten legen“ (Karten 13–16) bauen die Kinder nach einem Plan von oben und legen anschließend mit Formen, wie ihr Bau von vorne und von der Seite aussieht. „Schieben im Kopf“ (Karten 17–18) verlangt, sich die Ansichten nach einer Verschiebung vorzustellen, bevor die App den Körper wirklich verschiebt.
Die „Eigene Karte“ greift die Blankokarten des Originals (Karten 11–12 und 19–20) auf: Kinder bauen selbst eine Anordnung, legen deren Ansichten, und die App prüft, ob sie zum Bau passen. Die fertige Karte erhält einen vorlesbaren Silbencode, über den ein Partnerkind sie auf einem anderen Gerät öffnen kann. So werden die Kinder vom Lösen zum Erfinden geführt. Über das Kartenmaterial hinaus gehen die „Knobelkarten“: Sie erzeugen immer neue, garantiert lösbare Aufgaben in drei Schwierigkeitsstufen; auf der höchsten Stufe gibt es jeweils genau eine Lösung.
Die App ersetzt die echten Körper nicht – am besten nutzt man beides. Über das Vier-Ecken-Symbol neben der Kartennummer („Nur Karte zeigen“) lässt sich eine Aufgabenkarte groß auf Tablet, Beamer oder interaktiver Tafel darstellen, während die Kinder mit gedruckten Körpern bauen. Hilfreich sind Begleitfragen wie „Welche Körper könnten diese Form machen?“, „Was verrät dir die zweite Ansicht?“ oder „Von welcher Seite musst du schauen, damit es so aussieht?“. Im Klassengespräch können die Kinder ihre verschiedenen Lösungen vergleichen und begründen, warum beide passen.
Für die Differenzierung stehen im Lehrkräfte-Bereich Voreinstellungen für die Klassenstufen 1 bis 4 bereit (das Zahnrad oben rechts dazu 1,6 Sekunden gedrückt halten). Eingestellt werden können unter anderem, ob Bücken und Herumgehen jederzeit, erst nach dem ersten Prüfen oder gar nicht erlaubt sind, wie ausführlich die Rückmeldung ausfällt, ob die Lösungszahl als Impuls oder als Zahl erscheint und ob Ansichten gelegt oder gezeichnet werden. Eine Vorlesefunktion unterstützt Kinder, die noch nicht sicher lesen. Ein Tafelmodus legt die Bedienung für die interaktive Tafel nach unten. Einzelne Karten lassen sich auch direkt verlinken, etwa für Stationsarbeit oder QR-Codes auf Arbeitsblättern: …/apps/ansichtssache/index.html?modus=ansichten&karte=5.
Die App läuft vollständig im Browser, arbeitet nach dem Laden auch ohne Internetverbindung weiter und kommt ohne Anmeldung aus. Einstellungen, gelöste Karten und gesammelte Lösungen werden nur im jeweiligen Browser gespeichert und nicht übertragen. Mit dem Knopf „Neues Kind“ auf der Startseite der App lassen sich die Lernstände für das nächste Kind zurücksetzen.
Material, Idee und Aufgaben: „Ansichtssache“ © 2025 Dr. Jonathan von Ostrowski, Universität Bremen, lizenziert unter CC BY-NC-SA 4.0. Das Originalmaterial mit Aufgabenkarten, Arbeitsblättern und den 3D-Druckdateien der Körper steht kostenlos unter unihb.eu/ansichtssache bereit.
Der Abschnitt „Didaktischer Hintergrund“ stützt sich auf: von Ostrowski, J. (2025). Ansichtssache: Ein Material zur Förderung der Raumvorstellung. In A. S. Steinweg (Hrsg.), Was ist wichtig? Perspektiven auf den Mathematikunterricht in der Grundschule (Mathematikdidaktik Grundschule, Bd. 14, S. 96–99). University of Bamberg Press. doi.org/10.20378/irb-110986
Diese App ist eine Bearbeitung des Materials: digitale Umsetzung der Aufgaben, Rückmeldungen und zusätzliche Aufgabenformen (Roland Rink, Mathematik verständlich lehren). Sie steht ebenfalls unter CC BY-NC-SA 4.0 und darf unter denselben Bedingungen – Namensnennung, nicht kommerziell, Weitergabe unter gleichen Bedingungen – genutzt und weitergegeben werden.
Klasse 1 bis 4 und Förderschule – mit Voreinstellungen je Klassenstufe, von wenigen Bildkarten bis zu Knobelkarten mit genau einer Lösung.
Raumvorstellung, Seiten- und Draufsichten, Partnerarbeit mit eigenen Karten, Stationenlernen, Arbeit mit gedruckten Körpern, Tafelmodus und Vorlesefunktion